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O. Wolfrum                                                                                      Kellenhusen a. d. Ostsee
                                                                                                       August 2011
 
 
 
Über die unausgeschöpfte Effektivität
des Deutschen Jugendliteraturpreises
 
– Eine Dokumentation –
 
 
 
Einführung
Der Deutsche Jugendliteraturpreis (DJLP) ist der einzige deutsche Staatspreis für Literatur. Er unterscheidet sich von anderen vergleichbaren Preisen in zwei wesentlichen Punkten:
 
Zum einen ist er kein Kulturpreis im üblichen Sinn, sondern eine Maßnahme/­ Projekt der Jugendhilfe, und damit deren Zielen (Leseförderung, Integration, Förderung bildungsbenachteiligter Jugendlicher) verpflichtet.
 
Zweitens, dieser Staatspreis ist nicht für unsere eigenen Autorinnen und Autoren reserviert. Im Ausland ist das nirgends der Fall. In allen anderen Ländern sind von den nationalen Jugendliteraturpreisen Übersetzungen ausgeschlossen.
 
Die deutsche Vergabepraxis hingegen (s. Kap. 2) hat dazu geführt, dass deutschsprachige Autoren*, vor allem in den wichtigen Sparten Kinderbuch und Jugendbuch, weitgehend ausgegrenzt werden. Das ist in menschlich-ethischer Sicht unzumutbar, auch verstößt es gegen das Antidiskriminierungsgebot, dem alles staatliche Handeln – auch nach europäischem Recht – unterworfen ist.
 
In den nun fast 60 Jahren des DJLP ist die Benachteiligung der Originalliteratur immer wieder kritisiert worden. Schon anlässlich der Preisvergabe des Jahres 1962, als beide Preise an Übersetzungen gingen, sprach die FAZ1) von „Zweckentfremdung von Bundesmitteln, die der Förderung der deutschen Jugendliteratur dienen sollten“.
 
Über 40 Jahre später noch dasselbe: Paul Maar2) beklagt, dass der Blick verstellt wird auf deutsche Nachwuchsautoren und deren Bücher und zitiert den erfolgreichen Jugendbuchautor Rudolf Herfurtner mit dessen Aufforderung, „den Preis doch konsequenterweise gleich in ‚Internationaler Literaturpreis’ umzubenennen“.
 
Noch deutlicher Wolfgang Bittner 3, 4): „Was da Jahr für Jahr abgefeiert wird, ist ein Trauerspiel, das viele Autoren und Autorinnen stirnrunzelnd beobachten. Allerdings wagt sich kaum jemand dazu kritisch zu äußern, weil er oder sie damit Gefahr liefe, in Misskredit zu geraten.“
 
Die Verdrängung deutschsprachiger Literatur geht aber noch weit über persönliche Benachteiligungen hinaus. Wie in Kap. 5 dargestellt wird, richtet sich die Praxis der Preisvergabe nämlich unmittelbar gegen den Preis und seine Zielsetzungen selbst.
 
Dabei ist die Situation, was das Lesen angeht, dramatisch. Allein zwischen 1999 und 2008 ist der Anteil der Kinder, die „nie oder nicht gerne“ lesen, von 4 % auf 21 % also auf das 5-fache gestiegen,5) und trotz PISA-Schock des Jahres 2000 hat sich die Lesefähigkeit der 15-jährigen Schüler bis heute nicht verbessert.6)
 
So gilt es, alles zu unternehmen, den weiteren Niedergang des Lesens zu verhindern. Der DJLP kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, wenn man seine Effizienz erhöht. Dies wird in dem Maße Erfolg haben, wie die Autoren der nominierten und preisgekrönten Bücher in die Vermittlung eingebunden werden. Es gibt keinen besseren Vermittler für die Ziele des Preises als den Autor selbst in seiner eigenen Sprache!
 
Damit ist das Ziel der hier vorgelegten Dokumentation umrissen. Mit Quellenangaben belegt, soll der Fragenkomplex von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Dazu gehören die Entstehungsgeschichte des Preises (Kap. 1), eine Vergabestatistik (Kap. 2), die gesetzlichen Rahmenbedingungen (Kap. 3) und in Kap. 4 und 5 die zentrale Frage der Effizienz im Kontext der Zulassungsvorschriften. Dabei erscheinen, besonders im Licht der hier dokumentierten Fakten, Detailaspekte, die bislang weitgehend unbekannt waren.
 
 
 
 *Aus Gründen der Vereinfachung wird im Folgenden auf die weiblichen Formen verzichtet.
 
 
 
 
Zur kurzen Orientierung:
 
Der Deutsche Jugendliteraturpreis (DJLP) wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ausgeschrieben und aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans (KJP) gefördert.
 
Eine Kritikerjury vergibt den Preis in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch, eine Jugendjury den „Preis der Jugendjury“. Ein „Sonderpreis“ wird für das Gesamtwerk eines deutschen Urhebers (Autor, Illustrator oder Übersetzer) vergeben.
 
Kritikerjury und Jugendjury erstellen Nominierungslisten von je sechs Titeln, aus denen jeweils ein Preisbuch ermittelt wird.
 
Mit der organisatorischen und technischen Durchführung der Preisvergabe ist der Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V.7) (kurz: Arbeitskreis) beauftragt.

 

1. Die Entstehung des DJLP und seiner Statuten

 
Um die Regularien des DJLP zu verstehen, ist es erforderlich, einen Blick auf seine Entstehung zu werfen.
 
Ausgangspunkt ist der bereits 1950 erlassene „Kinder- und Jugendplan des Bundes“. Er gilt, mit zahlreichen Anpassungen, noch heute. Getragen von der Fürsorgepflicht des Staates für seine Bürger dient er der Kinder- und Jugendhilfe, deren gesetzliche Grundlage heute das Sozialgesetzbuch, Teil VIII (SGB VIII)8) ist.
 
Nach dem Krieg wurde bald ein Bedarf auch an kultureller Förderung, insbesondere bei der Jugendliteratur, sichtbar. Es galt, die Flut billiger Groschenhefte zurückzudrängen. Der Minister des Inneren stiftete 1953 daher einen „Deutschen Jugendpreis“ für Literatur, mit dem u. a. das „beste Jugendbuch“ ausgezeichnet werden sollten9). Zugelassen waren nur Manuskripte jüngerer NS-unbelasteter deutscher Autoren (ab Jahrgang 1919).
 
Das Ergebnis musste enttäuschend ausfallen, denn in der schwierigen Nachkriegszeit mangelte es an genügend guten Manuskripten. Der Misserfolg war Anlass, zwei Jahre später unter Umbenennung in „Deutscher Jugendbuchpreis“ nur noch gedruckte Bücher der Vorjahresproduktion zuzulassen und in die Ausschreibung eine Öffnungsklausel aufzunehmen, die es gestattete, auch Übersetzungen einzureichen.
 
Letzteres war weltweit, zumindest was alle bedeutenden Jugendbuchpreise anging, ein Novum, denn eine staatliche Kulturförderung muss zunächst auf die eigene Kultur gerichtet sein.
 
Aber in Deutschland (und Österreich) bestand damals eine besondere Situation: Der Krieg hatte das Verlagswesen schwer getroffen, es erholte sich nur langsam. Und dann waren es die Jahre nach 1933: Die Jugendliteratur war extrem nach innen auf die Ideologie der Diktatur ausgerichtet worden.
 
Da galt es nun, die Abschottung aufzubrechen. Es war ein Gebot der Stunde, den Blick nach außen auszuweiten, um die Völkerverständigung zu fördern. Hinzu kam damals die noch geringe Eigenproduktion wie auch – infolge langer Devisenbewirtschaftungen – ein geringes Angebot an Übersetzungen. Bis sich die deutsche Literatur wieder erholt und sich die junge Bundesrepublik in die Weltgemeinschaft stabil eingegliedert hatte, war die Öffnung des Preises auch für ausländische Titel also durchaus richtig und sinnvoll.
 
Aber die Öffnung hätte eben nur vorübergehend sein dürfen, mit der Maßgabe versehen, sie wieder aufzuheben, sobald die Verhältnisse sich normalisiert hätten. – So wurde zwar bereits 1960 (lt. Tagesspiegel, Berlin) vom Ministerium erwogen, „ob man Übersetzungen künftig keine Preise mehr zuerkennen solle“.10) Es ist jedoch dazu nicht gekommen, der Arbeitskreis blieb „eisern“ und änderte die „großzügige Ausschreibung niemals“.11)
 
Das, was ein Provisorium hätte sein müssen, ist geblieben – 55 Jahre lang, bis heute.
 
Die Statuten des Preises werden im Ausschreibungstext festgelegt. Sie definieren (in der Präambel) die Ziele des Preises, bestimmen die Voraussetzungen für die Auszeichnungen und schreiben die Regularien für Preisfindung, Durchführung und Öffentlichkeitsarbeit vor.
 
Seit der Stiftung des Preises wurde die Ausschreibung mehrfach geändert.11) So erfolgte 1981 die Umbenennung in „Deutscher Jugendliteraturpreis“, und 2003 richtete der Stifter eine Jugendjury ein, um der Stimme der jugendlichen Leser ein größeres Gewicht zu geben.
 
  
 
 
 

2. Die Vergabe des DJLP in Zahlen und im internationalen Vergleich

 
Wie bereits dargestellt, geht es vor allem um die Zulassungsvorschrift. Diese lautet unter Abschnitt IV der Ausschreibung (für 2012):
 
 
IV. Voraussetzungen für die Auszeichnungen
Nominiert und ausgezeichnet werden können ausschließlich Bücher, die im Jahr 2011 erstmals erschienen sind:
-   deutschsprachige Originalwerke lebender Autorinnen/ Autoren, Herausgeberinnen/Herausgeber und Illustratorinnen/Illustratoren,
-   deutsche Übersetzungen von fremdsprachigen Werken lebender Autorinnen/ Autoren und Herausgeber­innen/Herausgeber.
 
 
Zugelassen sind also alle im Vorjahr erstmals erschienenen deutschsprachigen Bücher, unabhängig davon, ob sie Originalwerke oder Übersetzungen sind.
 
Jedoch anders als bei deutschsprachigen Originalwerken ist das Erscheinungsjahr der fremdsprachigen Originalwerke beliebig – sofern allerdings der Autor noch am Leben ist. So kann schon mal die Erstveröffentlichung 39 Jahre zurückliegen, wie im Fall der Amerikanerin Paula Fox, die 2008 den DJLP erhielt.12)
 
Übersetzungen werden also erhebliche Vorteile eingeräumt. Deren Originalausgaben haben Zeit, Bekanntheit zu erlangen, (nationale) Preise zu gewinnen, Lizenzerfolge zu erzielen – alles Bonuspunkte.
 
Das hat besonders eine Preisvergabe des Jahres 2005 gezeigt: Da hatte ein bekannter deutscher Verlag (spaßeshalber?) ein Kinderbuch eingereicht, für das es weder, wie behauptet, einen kanadischen Originalverlag, noch einen Übersetzer, noch einen Bestsellererfolg in Kanada und den USA gab.
 
Dieser Fall wurde 2010 vom Verfasser in einem Beitrag im Börsenblatt zur Illustrierung der Vergabeproblematik wieder aufgegriffen.13) Damit konnte eine lebhafte Diskussion angestoßen werden, auf die im Weiteren Bezug genommen werden kann.14) So wird nach wie vor bestritten, dass es überhaupt eine Benachteiligung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur gibt.
 
Das soll im Folgenden, mit überprüfbaren Daten belegt, geklärt werden. Die Sparten Bilderbuch und Sachbuch können dabei unberücksichtigt bleiben, weil sie für die Ziele des Preises verhältnismäßig wenig beitragen. Ebenso die Auszeichnungen durch die Jugendjury, weil sie eine Sonderstellung einnehmen. Wegen des genannten Artikels des Verfassers müssen auch die Ergebnisse der Ausschreibung 2010 außer Betracht bleiben.15) Als aktueller Berichtszeitraum wurde daher 2005 bis 2009 gewählt.
 
Wie sich die Öffnungsklausel von 1955 noch heute auf die Vergabepraxis auswirkt, zeigt die nachstehende Tabelle. Geordnet nach Sprachgebieten ist jeweils die Anzahl der Nominierungen und Preise 2005 bis 2009 für die Sparten Kinderbuch (KB) und Jugendbuch (JB) aufgeführt.7)
 
 
 
 
Sprach-
gebiete
Nominierungen
Preise
KB
JB
KB+JB
%
KB+JB
%
USA/GB/CDN
9
16
25
42
4
40
NL
8
4
12
20
2
20
D/A/CH
3
5
8
14
1
10
F
5
1
6
10
1
10
S/N
3
1
4
7
1
10
Übrige
1
3
4
7
1
10
Summen
29
30
59
100
10
100
 
Tab. 1: Nominierungen und Preise 2005 bis 2009
 
 
 
Bei insgesamt 59 Nominierungen in 5 Jahren wurden nur 8 Originaltitel, das sind 14 %, nominiert. Der Anteil der Übersetzungen betrug damit 86 %, mit 62 % überwiegend aus dem Englischen und Holländischen.
 
Ebenso die Preise: Nur ein einziger deutschsprachiger Autor erhielt den Preis, 4 Preise gingen an britische und angloamerikanische Autoren, 2 an holländische.
 
Das Ausmaß der Ausgrenzung deutschsprachiger Literatur tritt noch deutlicher hervor, wenn zum Vergleich die Zahlen der von den Verlagen eingereichten Bücher herangezogen werden.7)
 
Die Unterscheidung zwischen Originalwerken (O) und Übersetzungen (Ü) gibt es leider nur für die Gesamtheit aller 4 Sparten.
 
 
 
 
Jahr
Alle 4 Sparten
KB + JB
O
Ü
O+Ü
2005
249
167
416
225
2006
263
155
418
240
2007
305
193
498
270
2008
326
214
540
301
2009
351
189
540
323
Summen
1.494
918
2.412
1.359
Tab. 2: Anzahl der eingereichten Bücher
 
 
 
Von 2005 bis 2009 wurden also insgesamt 2.412 Bücher eingereicht, davon 1.494 (= 62%) Originalwerke und 918 (= 38%) Übersetzungen.
 
In den beiden Sparten Kinderbuch (KB) und Jugendbuch (JB) waren es zusammen 1.359 Bücher. Nimmt man hiervon – für die Übersetzungen günstig gerechnet! – einen Anteil von nur 60 % für originale Titel, so ergeben sich als hinreichend verlässliche Schätzwerte 815 (=60%) deutschsprachige und 544 (=40%) übersetzte Kinder- und Jugendbücher, die zwischen 2005 und 2009 eingereicht wurden.
 
Setzt man nun diese beiden letztgenannten Zahlen ins Verhältnis zu den im selben Zeitraum verliehenen Auszeichnungen, ergibt sich Folgendes:
 
Bei den Originaltiteln entfielen also auf 815 Einreichungen 8 Nominierungen und 1 Preis. Das heißt, um eine Nominierung zu erhalten, waren (im Durchschnitt) 102 Einreichungen erforderlich. Für den einzigen Preis waren es alle 815 eingereichten Originaltitel.
 
Bei den übersetzten Büchern: Hier bedurfte es – wie leicht nachzuprüfen ist – nur 11 Einreichungen für einen Nominierung und 60 für einen Preis.
 
Daraus folgt: Eine für den DJLP vorgeschlagene Übersetzung hat es 9-mal leichter eine Nominierung zu erzielen als ein Originaltitel und 14-mal leichter einen Preis zu erhalten.
 
In der Tendenz wissen das die Verlage selbstverständlich – auch wenn das Ausmaß nicht allgemein bekannt sein dürfte – und handeln entsprechend, indem sie aus ihrem Programm vorzugsweise Übersetzungen einreichen. Das verschiebt das Bild noch weiter zu Lasten der Originalliteratur. In welchem Umfang dies geschieht, lässt sich für den DJLP 2009 wie folgt quantifizieren:
 
Im Produktionsjahr 2008 gab es in der Sachgruppe „Kinder- und Jugendliteratur“ 7.31916) Neuerscheinungen in Deutschland, mit 6.268 Originalausgaben und 1.051 Übersetzungen. Davon wurden nach Tab. 2 351 Originaltitel und 189 Übersetzungen für den DJLP 2009 eingereicht. Das heißt, bei den Originalausgaben wurde nur 5,6 % der Produktion eingereicht, während bei den Übersetzungen der Anteil 18,0 % betrug, also das 3,2-fache.
 
Daraus folgt: Während es bei den Titeln für Übersetzungen bereits 9-mal leichter war, eine Nominierung zu erzielen, war es in Bezug auf alle (d. h. auch der nicht eingereichten) Neuerscheinungen sogar mehr als das Dreifache dessen.
 
Damit war es 2009 in Wirklichkeit sogar 30-mal wahrscheinlicher nominiert zu werden als für ein Originalwerk. – Für den Preis lag der Faktor mit 45 noch höher.
 
Ein deutschsprachiger Autor sollte sich also wenig Hoffnung machen, jemals nominiert zu werden. Verwunderlich ist, dass bei so geringen Chancen überhaupt noch Originaltitel eingereicht werden.
 
Wie eingangs betont, kennt man im Ausland eine Benachteiligung der eigenen Jugendliteratur wie in Deutschland selbstverständlich nicht. Hierzu einige Beispiele der Teilnahmeberechtigung:
 
Mit dem „Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis“ wird ein hervorragendes Einzelwerk der Kinder- und Jugendliteratur von Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft oder Wohnort in der Schweiz ausgezeichnet. Das Werk muss in einem Schweizer Verlag erschienen sein.
 
Die Teilnahmebedingungen des „Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises“ sind etwas weiter gefasst. Zugelassen sind hier deutschsprachige Originalwerke, die in österreichischen Verlagen erschienen sein müssen, oder Werke österreichischer Urheber in nichtösterreichischen Verlagen. Eine Klausel, die auch Lizenzausgaben zulässt, hat seit 2005 keine Anwendung mehr gefunden.
 
Bei der „Carnegie-Medal“, der bedeutendsten Kinderbuchauszeichnung Englands, lautet die Teilnahmevoraussetzung: „To be eligible titles must have been first published in the UK or co-published elsewhere within three months.“
 
Bei dem weltweit ältesten Kinderbuchpreis, der amerikanischen „Newbery Medal“, heißt es kurz und bündig: „The Newbery Medal is awarded fort he most distinguished American children’s book published in the previous year.“
 
Für den holländischen Kinderbuchpreis lautet die Teilnahmebedingung: „De Gouden Griffel kann allen gewonnen worden dor een oospronkelijk Nederlandstalig book.“
 
Einem ausländischen Autor steht also beides offen: der Jugendbuchpreis des eigenen Landes wie auch der DJLP. Der deutsche Autor hingegen ist – in aller Regel – von beiden ausgeschlossen. – Eine Ungleichbehandlung, die jegliche Fairness vermissen lässt!
 
Hier von einer „deutschnationalen Blickverengung“27) zu sprechen, kann bei dieser Sachlage nur Kopfschütteln hervorrufen.
 
Aber selbst im Vergleich mit anderen deutschen staatlichen Kulturpreisen fällt der DJLP aus dem Rahmen. So wird der „Deutsche Filmpreis“ nur deutsch­sprachigen Originalwerken (also keinen Synchronisationen) verliehen32), ebenso der (aus Mitteln des KJP geförderte) „Deutsche Jugendvideopreis“. Dasselbe gilt für den vom Börsenverein gestiftete „Deutsche Buchpreis“.
 
 
 
 

3. Die gesetzlichen Vorgaben für den DJLP

 
Als Staatspreis unterliegt der DJLP den einschlägigen Verwaltungsvorschriften des deutschen Haushaltsrechts. Gesetzliche Grundlage ist das Haushaltsgrundsätzegesetz (HGrG), aus dem für Bundesbehörden die Bundeshaushaltsordnung (BHO) abgeleitet ist.
 
Der DJLP wird, wie bereits gesagt, aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans (KJP) gefördert. Damit gilt nach der BHO der Grundsatz der sachlichen Bindung, wodurch die Vergabe des DJLP gebunden ist an die Vorgaben des KJP. Die Ziele des Preises werden also durch die Ziele des Planes bestimmt.
 
Für die Zulassung von Übersetzungen hingegen ist der Haushaltsgrundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit maßgebend. Die BHO verlangt größtmögliche Effizienz und Effektivität. Es wird daher zu prüfen sein, ob deutschsprachige Autoren für die Erreichung der Ziele des KJP Effektiveres zu leisten vermögen als fremdsprachige Autoren. – Aber zunächst zu den Vorschriften des KJP.
 
Laut ministerieller Richtlinie8) soll der Kinder- und Jugendplan die im Sozialgesetzbuch begründete Kinder- und Jugendhilfe anregen. Er soll dazu beitragen, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit frei entfalten, ihre Rechte wahrnehmen und ihrer Verantwortung in Gesellschaft und Staat gerecht werden können. Dazu werden in Abschnitt I.2 der Richtlinie die so genannten Aufgaben von besonderer Bedeutung, also die Kernaufgaben, konkret definiert.
 
Der DJLP fällt in den Förderbereich Kulturelle Bildung. Für ihn sind es vor allem drei Aufgaben von besonderer Bedeutung: Gemäß I.2 (4) die Vermittlung von Medienkompetenz (Leseförderung), gemäß I.2 (3), (5) die Integration und die Verbesserung der Chancen junger Menschen mit Migrationshintergrund, und drittens nach I.2 (4) sollen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichem Bildungshintergrund jeweils angemessen berücksichtigt werden.
 
In Abschnitt II der Richtlinie werden die einzelnen Förderziele beschrieben. Das Förderprojekt „Deutsche Jugendliteraturpreis“ fällt wie gesagt in den Bereich II.2 Kulturelle Bildung. Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen. Sie soll – auch im Bereich der Literatur – das gestalterisch-ästhetische Handeln fördern.
 
Obwohl als Querschnittsaufgabe definiert, berührt das Förderziel II.16 „Internationale Jugendarbeit“ den DJLP, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Maße, denn gemäß II.16.(1) soll die Internationale Jugendarbeit die persönliche Begegnung junger Menschen aus verschiedenen Ländern ermöglichen, nach II.16.(3) vorzugsweise aus Mittel- und Osteuropa.
 
Die Preisfindung beim Jugendliteraturpreis hat natürlich mit Jugendbegegnungen und Jugendaustausch nichts zu tun, und aus dem Förderziel II.16 auf eine Internationalität des Preises zu schließen, ist unzulässig.
 
Dem Ausschreibungstext des DJLP ist eine Präambel vorangestellt, die die Ziele des Preises benennt. Sie lautet:
 
 
 
Präambel
(1) Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wach halten und zur Diskussion herausfordern.
 
(2) Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis werden jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. (3) Dadurch sollen Kinder und Jugendliche zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur angeregt werden.
 
(4) Zugleich soll die Öffentlichkeit, insbesondere Eltern und alle Vermittlerinnen und Vermittler, auf wichtige Neuerscheinungen der Literatur für Kinder und Jugendliche hingewiesen werden.
 
(5) Lesefähigkeit ist eine elementare Voraussetzung, um den heutigen und zukünftigen Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden. (6) Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll deshalb auf die Bedeutung der Literatur innerhalb des vielfältigen Medienangebotes für Kinder und Jugendliche aufmerksam machen.
 
 
Wie oben dargestellt, ist der DJLP eine Maßnahme der Jugendhilfe. Damit hätten, neben der Leseförderung, auch die Integration sowie die Berücksichtigung bildungsbenachteiligter Jugendlicher als Aufgaben von besonderer Bedeutung in die Zielvorgaben eingehen müssen.
 
Diese Unterlassung erzeugt den Eindruck, als wäre der DJLP primär als Literaturpreis konzipiert, der hohen „literar-ästhetischen“ Ansprüchen zu genügen habe. Dazu der Juryvorsitzende des Jahrs 2006: „So unterhaltsam die einen Bücher als Lesefutter sein mögen (…) – bei der Zusammenstellung der Nominierungsliste können sie aus ästhetischen Erwägungen keine Rolle spielen.“17)
 
Und gerade die beliebtesten Gattungen bleiben unberücksichtigt: Abenteuer­bücher und spannende Detektivgeschichten sind seit langem vom Preis nahezu völlig ausgeschlossen.
 
Somit werden die im Sinn der Jugendhilfe gesetzten Ziele verfehlt und der Grundsatz der sachlichen Bindung missachtet. Nach §45 BHO dürfen nämlich nur Ausgaben zu dem im Haushaltsplan (hier KJLP) bezeichneten Zweck geleistet und in Anspruch genommen werden. Der DJLP ist damit an die im KJP festgelegten Zweckbestimmungen gebunden.
 
Dies berührt nicht das autonome Recht einer Jury, das nach ihrer Meinung jeweils „beste Buch“ für den Preis vorzuschlagen. Solange sich die Jury an die Zielvorgaben des KJP hält, wird der Stifter einem solchen Vorschlag sicher bedenkenlos folgen.
 
Bei der zentralen Frage dieser Dokumentation, der Zulassung von Übersetzungen, greift ein anderer Haushaltsgrundsatz. Es ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Dazu heißt es im Organisationshandbuch des BMI unter 1.3.3.1 Haushaltsrecht:
 
     Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit ist zwingende Handlungsgrundlage der öffentlichen Verwaltung. Die effiziente und effektive Gestaltung der Organisationsstrukturen (hier die Vergabemodalitäten DJLP) sowie die sachgerechte Aufgabenerledigung sind ständige Forderungen des wirtschaftlichen Handelns. Explizit heißt es dazu in §7 BHO:
 
     (1) Bei Aufstellung und Ausführung des Haushalts(teil)plans sind die Grund­sätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit zu beachten. (...) (3) Für alle finanzwirksamen Maßnahmen sind angemessene Wirtschaftlichkeits­unter­suchungen durchzuführen.
 
Unter Effizienz (auch: Wirtschaftlichkeit) wird das Verhältnis von Wirkung und Kosten (Output/Input) verstanden, dessen Maximum anzustreben ist. Der Begriff Effektivität ist umfassender. Effektivität zeigt auf, inwiefern Maßnahmen zur Erreichung bestimmter Ziele bzw. Wirkungen beitragen.18)
 
Es ist dabei ständige Aufgabe des Zunendungsgebers wie des Leistungsempfängers Effizienz und Effektivität zu überprüfen (vgl. BHO 7(3)).
 
Die Überwachung von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit obliegt dem Bundesrechnungshof.
 
Anlässlich der – milde gesagt – angespannten Haushaltslage bemüht sich die Bundesregierung verstärkt um die Ausschöpfung aller Effizienzpotentiale. Dazu heißt es in Verwaltung innovativ vom 25.10.201019):
 
Staat und Verwaltung werden daran gemessen, wie Effizienz und Effektivität und damit die Stabilisierung/Entspannung der Haushaltslage gelingen. Für die Bundesverwaltung ist deshalb eine umfassende, in sich abgestimmte und ressortübergreifende Strategie mit Schwerpunkt Effizienz erforderlich, die derzeit erarbeitet wird.
 
Das muss auch für den DJLP gelten. So ist er ressortübergreifend mit dem für Leseförderung in erster Linie zuständigen BM Bildung und Forschung sowie mit dem Auswärtigen Amt (Auswärtige Kulturpolitik) abzustimmen.
 
Durch Beschränkung auf Autoren aus dem deutschen Sprachraum sind auch hier, wie in Kap. 5 dargestellt, deutliche Effizienzsteigerungen zu erwarten.
 
 
 

4. Über die Effizienz der Preisfindung

 
 
Da der Preis sachlich an die Jugendhilfe gebunden ist, muss die Wirkung bei den Adressaten, den Kindern und Jugendlichen, abgeschätzt werden.
 
Hier sieht es nicht gut aus. Nach wie vor ist das private Lesen stark rückläufig, besonders bei jenen, für die die Maßnahmen der Jugendhilfe vorrangig gedacht sind.
 
Worauf schon eingangs hingewiesen wurde, haben Befragungen (n>1000) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes5) ergeben, dass die Zahl der Kinder, die „nie oder gar nicht gerne lesen“ von 4 Prozent (1999) auf 21 Prozent (2008) gestiegen ist, d. h. in 9 Jahren auf das 5-fache! Bei der Medienpräferenz der Hauptschüler lag 2008 das Buch nunmehr an letzter Stelle, auf Platz 10, hinter Soaps und Zeichentrick.20)
 
Ohne engagierte Leseförderung würde es mit dem Lesen wohl noch schlechter bestellt sein. Aber eines ist sicher, die Effizienz des DJLP steht und fällt mit der Auswahl der im Sinne der Jugendhilfe „besten“ Bücher. Ungeeignete Werke können das Gegenteil dessen bewirken, was nach Maßgabe des KJP gewollt ist. Sie können die Effizienz sogar ins Negative drehen und mehr schaden als nutzen.
 
Positiv rezipiert wird selbstverständlich vor allem Lektüre, die Lesefreude bewirkt. Dabei steht ganz oben – wie übrigens auch bei Erwachsenen – die Spannungsliteratur. Nach der jüngsten Erhebung, der Erfurter Studie von 2009 (n=750), dominiert in allen Vergleichsgruppen (Alter, Geschlecht) nach wie vor das Abenteuerbuch. Ähnlich die Basisstudie KIM 19995). Dort gaben zwischen 70 und 79 Prozent der Kinder (8 – 13 Jahre) an, Abenteuerbücher „sehr gerne“ bzw. „gerne“ zu lesen. Alle anderen Gattungen lagen deutlich darunter.
 
Dies bestätigt die von G. Lange22) zitierte Aussage von A.C. Baumgärtner, dem wohl besten Kenner dieses Genres: „… es kann wohl nicht untergehen, was so unmissverständlich auf Grundbefindlichkeiten der menschlichen Existenz hindeutet.“
 
Die Präferierung anderer Genres durch die DJLP-Jurys steht leider den obigen Befunden konträr gegenüber. So fand G. Lange in den Nominierungslisten ab 2000 nur 3 Abenteuerbücher (von ca. 130 Nominierungen insgesamt).22)
 
Da schließt sich unmittelbar die Frage an: Werden die von den Kritikerjurys nominierten Bücher von den Adressaten überhaupt angenommen und gelesen?
 
Dem ist mit großer Skepsis zu begegnen: Auf der einen Seite bemühen sich die Jurys gemäß Satz (1) der Präambel wie auch der Bekundungen der Jury-Vorsitzenden17), 23) um innovative Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur. Als zeitgemäße Romanformen haben sich nach Daubert24) in erster Linie der „sozialkritisch problemorientierte“ Kinder- und Jugendroman und der „realistisch dominierte psychologische“ Roman entwickelt.
 
Auf der anderen Seite ist es gerade diese Gattung, die vom jungen Leser am wenigsten geschätzt wird. Auch das bestätigt die Erfurter Studie 21): Sie kam mit 19,4 % (bei Mehrfachnennungen!) hinter der Fernsehbegleitliteratur auf den 6-ten und damit auf den letzten Platz!
 
Ähnliches gilt für die bereits erwähnten Ansprüche hinsichtlich der „literar-ästhetischen Form“. Kinder haben andere Beurteilungskriterien: „Die verwendete Sprache interessiert die jungen Leser (…) nur am Rande“, wie z. B. aus der Arbeit des Landshuter Leseclubs berichtet wird.25)
 
Man wird entgegnen, dass bei der Aufstellung der Nominierungslisten stets auch die Leseförderung als wichtiges Kriterium einbezogen wurde. Ob dies erfolgreich war, lässt sich durchaus überprüfen und sogar in gewissem Umfang quantifizieren.
 
In den nun fast 60 Jahren des DJLP hat es zahlreiche Befragungen nach den Lesepräferenzen gegeben. Dazu gehören die große Bödecker-Befragung (n=23.7000), die Studien der Bertelsmann-Stiftung, von ARD/ZDF, der Stiftung Lesen, des Börsenvereins, die Erfurter und die jährlichen KIM-Studien. Teilweise wurde dabei auch nach den (gerne) gelesenen oder Lieblingsbüchern gefragt, zumindest hätte man es veranlassen können. Das hätte gezeigt, ob und wie weit die mit dem DJLP ausgezeichneten Titel bei den Lesern „angekommen“ waren.
 
Es ist nicht zu verstehen, dass diese so nahe liegende Möglichkeit zur Evaluierung des Preises vom Arbeitskreis nicht genutzt wurde, zumal der Zuwendungsempfänger gemäß BHO 6(2) zur regelmäßigen Wirtschaftlichkeitsprüfung verpflichtet ist.
 
 

5. Der Preisträger und sein Beitrag zur Effizienz des Preises

 
 
Nachdem die Preisfindung abgeschlossen ist, Nominierungen und Preisträger feststehen, können die Jurys und der Arbeitskreis nur noch relativ wenig zur Effizienz des Preises beitragen.
 
Die Verleihungszeremonie, auch unter Beteiligung des Fernsehens und nach dem Prinzip Oscar, ist ein Medienereignis unter vielen und wird im Strom der täglichen Berichterstattungen keine nachhaltige Wirkung auf die (nicht) lesenden Kinder und Jugendlichen erzielen können. Es bleiben dann für den Arbeitskreis nur noch die Pressemitteilungen über die ausgezeichneten Bücher sowie Praxisseminare für Multiplikatoren übrig, die allerdings kompetenter von den Autoren selbst abgehalten werden könnten, sofern die Seminare überhaupt Sinn machen. Fachleute (Deutschlehrer, Bibliothekare etc.) sollten doch in der Lage sein, sich allein ein Urteil über ein Kinderbuch und dessen Vermittlung zu bilden.
 
Die eigentliche Effizienz des Preises entfaltet sich also erst in der Folge. Die Akteure der Verbreitung eines Preisbuches sind der Verlag, die Buchhändler, Pädagogen, Bibliothekare, Rezensenten etc., bevor der junge Leser das Buch in die Hand bekommt und es hoffentlich liest.
 
Dabei fehlt eine sehr wichtige Vermittlungsinstanz in Deutschland fast vollständig. Es ist der Preisträger selbst. Ein ausländischer Autor wird schon aus sprachlichen Gründen kaum eine Vermittlung wahrnehmen können.
 
Als Träger des renommierten DJLP kann der deutschsprachige Autor in besonderer Weise für sein Werk Aufmerksamkeit und öffentliche Beachtung erzielen. Es ist gerade dies, was gemäß der Präambel (Kap. 3) Sinn und Zweck der Preisstiftung ausmacht. Umso unverständlicher ist daher die Beibehaltung der Öffnungsklausel für Übersetzungen. Sie kann die Effizienz nicht fördern, sondern nur schwächen.
 
Der Preisträger ist der beste Vermittler und Interpret seines Werkes. In der direkten Begegnung, im Autorengespräch, bei Lesungen in Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Literaturhäusern, bei Leseclubs, auf Buchmessen und anderen Literaturveranstaltungen kann er eine Bindung zum künftigen Leser knüpfen, wie es sonst keine andere Vermittlung vermag.
 
Mit der Reputation als Träger eines prominenten Literaturpreises kann der deutschsprachige Autor auch im Bereich der kulturellen Bildung einen wichtigen Beitrag leisten. Der KJP fördert Maßnahmen, die „Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen.“ Nach KJP II 2 soll dabei das gestalterisch-ästhetische Handeln u. a. im Bereich der Literatur gefördert werden. In Schreibwerkstätten sowie Lehrgängen und Seminaren für kreatives Schreiben, die in verschiedenen Bundesländern für jugendliche „Nachwuchsautoren“ angeboten werden, kann der erfolgreiche Autor kompetente Anleitung geben.
 
Ein weiterer, ganz wichtiger Aspekt ist hier die ressortübergreifende Verknüpfung von Projekten (s. a. Kap. 3).
 
Für den DJLP kommen dabei Projekte des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie des Auswärtigen Amtes (AA) im Bereich der Auswärtigen Kulturpolitik in Betracht.
 
Das BMBF ist für die Leseförderung zuständig und unterstützt mit Projektmitteln u. a. den Friedrich-Bödecker-Kreis und die Stiftung Lesen. Durch Einbeziehen des (deutschsprachigen) Preisträgers wird eine dreifache (!) Gratifikation erzielt: Einmal für die Ziele des Kinder- und Jugendplans, zum anderen für die Leseförderung durch das BMBF und drittens durch die erhöhte Aufmerksamkeit, die die Zuerkennung des Preises bewirkt. Es entstünden also Synergie-Effekte, ohne dass zusätzliche Mittel aufgewendet werden müssten.
 
In diesem Kontext ist auch die kürzlich von der Bundesbildungsministerin Annette Schavan initiierte Allianz für Bildung zu nennen.30) Es soll „eine breite gesellschaftliche Bewegung zur Unterstützung und Förderung bildungsbenachteiligter Kinder und Jugendlicher“ angestoßen werden, indem in dieser Allianz Stiftungen, Organisationen, Verbände31) und Initiativen ihre Expertise und Bemühungen – bundesweit, aber auch auf lokaler Ebene – bündeln und vernetzen. Dabei sollen im Aktionsfeld Kulturelle Bildung „Kulturschaffende dazu ermuntert werden, gerade auf Schulen in sozialen Brennpunkten zuzugehen und gemeinsame Projekte zu entwickeln.“30) Auch dieses Effizienzpotential bliebe bei einem fremdsprachigen Preisträger ungenutzt.
 
Für ein Land, das international für eine ausgeprägte Lese- und Literaturkultur steht, ist es wichtig, sich selbst mit einer lebhaften und vielfältigen Literaturszene nach außen zu präsentieren. Zur Förderung der deutschen Literatur im Ausland wendet das Auswärtige Amt im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik erhebliche Mittel auf. Man hat diese Aufgabe für so wichtig erachtet, dass die Kulturstiftung des Bundes 2009 ein Förderprojekt für deutsche Literatur initiiert hat. Mit der Bezeichnung Litrix und der Trägerschaft des Goethe Institutes finanziert und organisiert das Projekt Autorenlesungen und Autorengespräche an deutschen Auslandsschulen und Goethe Instituten im Ausland, Buchausstellungen, unterstützt Übersetzungen (aus dem Deutschen!), gibt Leseempfehlungen u. v. m.
 
Auch hier, also bei der Präsentation der Jugendliteratur im Ausland, bleiben Preisträger des deutschen Staatspreises so gut wie ausgeschlossen, einfach weil es sie fast nicht gibt. Im Ausland muss es den fatalen Eindruck erwecken, dass es in Deutschland zwar einen weltweit einzigartigen, boomenden Buchmarkt gibt, es aber mit der eigenen Literatur nicht mehr sehr weit her sein kann.
 
Mit der Bevorzugung der übersetzten Werke wird also ein weiteres Effizienzpotential vertan, aber nicht nur dies, es wird den Bemühungen unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik entgegengearbeitet.
 
Das wird besonders deutlich beim Vergleich der Übersetzungen zwischen dem Deutschen und dem Englischen: Mindestens 400 Kinder- und Jugendbücher wurden 2008 ins Deutsche übertragen, während es umgekehrt sage und schreibe nur 6 (!) Titel waren.26)Wenn die eigene Literatur so gering eingeschätzt wird, ist auch keine besondere Wertschätzung vom Ausland zu erwarten.
 
Schließlich gibt es noch indirekt wirkende Effizienzpotentiale, die nicht unterschätzt werden sollten. Durch die Zuerkennung eines Preises erfährt der Autor Anerkennung und Ermutigung, in seinem literarischen Werk fortzufahren. Der Verlag wiederum wird seinen erfolgreichen Autor verstärkt unterstützen.
 
Es entstünde also eine effizienzverstärkende Rückkopplung für die Ziele des Preises, wie auch für die Belebung der KJL-Szene in Deutschland insgesamt.
 
Das sieht man im Ausland auch so. Dazu z. B. die Österreichische Ministerin für Kunst und Kultur anlässlich der Verleihung des KJBP 2008:
 
 
Die ausgezeichneten Bücher zeigen, wie vielfältig und bunt die Österreichische Kinder- und Jugendbuchliteraturszene in Österreich arbeitet. Der österreichische KJBP soll jene KünstlerInnen in den Mittelpunkt stellen, die Tag für Tag Kinder und Jugendliche zum Lesen verführen.
 
 
In Deutschland müssen wir leider das Gegenteil feststellen. Unsere Autoren werden nicht in den Mittelpunkt gestellt, sondern weitgehend an den Rand der Literaturszene abgedrängt.
 
Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass – aus welchen Gründen auch immer – dies vom Arbeitskreis und seinen Jurys so gewollt ist. Was heute noch für die Beibehaltung der Öffnungsklausel ins Feld geführt wird, hat sich nach fast 60 Jahren von selbst erledigt.
 
Trotzdem soll in den nun folgenden, abschließenden Bemerkungen auf ein Argument eingegangen werden, das immer wieder vorgetragen wird.
 
 

Was noch zu sagen bleibt

 
 
Das Hauptargument der Befürworter von Übersetzungen lautet etwa so:
 
Im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen muss das Beste zur Auswahl stehen. Deshalb dürfen wichtige Bücher aus dem Ausland nicht ausgeschlossen werden.
 
Dies ist ein Argument, das vordergründig plausibel erscheinen mag. Aber keine Jury kann bei 540 eingereichten (Spitzen)titeln eine nur einigermaßen fundierte Auswahl treffen28), so dass daraus resultierende Nominierungslisten, statistisch gesprochen, als Zufallsereignisse zu betrachten sind, die keine objektive Aussage etwa darüber gestatten, ob die übersetzten Werke auch tatsächlich den Originalwerken überlegen sind.
 
Zweitens, was kann die britische und US-amerikanische Jugendliteratur zur Integration von Kindern und Jugendlichen in Deutschland beitragen? Wir brauchen deutsprachige Autoren mit Immigrations- und Integrationserfahrungen.
 
Drittens, die Fehlbewertungen durch die Jurys sind in Kap. 2 hinreichend belegt. Weshalb sollte auch alles, was aus dem Ausland kommt, besser sein? Weshalb sollte z. B. die holländische Jugendliteratur doppelt so hoch zu bewerten sein wie die deutschsprachige? Bei nur 800 Neuerscheinungen in Holland und 7.000 im deutschen Sprachraum! Dafür gibt es keine schlüssige Begründung.
 
Noch ein Wort zu dem „Preis der Jugendjury“ (Teil des DJLP). Er ist zweifellos wichtig, da er die Präferenzen der jugendlichen Leser reflektiert.
 
In der Sachgruppe „Jugendbuch“ kommen pro Jahr z. Zt. etwa 1.200 Originaltitel auf den Markt. Das öffnet für die beteiligten Leseclubs ein weites Feld für literarische Entdeckungsreisen.
 
Richtig spannend und ein Höhepunkt der Clubarbeit wird es, wenn der von ihnen nominierte Autor angereist kommt und mit ihnen über sein Buch diskutieren kann.
 
Dies könnte problemlos aus den Projektgeldern finanziert werden, die das BMFSFJ alljährlich für die Ausrichtung des Preises dem Arbeitskreis zuwendet. Immerhin verfügt der Arbeitskreis – auch dies ist wohl weltweit einmalig – über einen Etat von 600.000 Euro.29) – Die sechs (teilbaren) Preise sind dagegen, vergleichweise bescheiden, zusammen mit nur 50.000 Euro dotiert.
 
Zusammenfassend lässt sich feststellen: Es ist kein Grund zu erkennen, die Öffnungsklausel für Übersetzungen beim DJLP beizubehalten, ihre Streichung ist seit langem überfällig.
 
Und dann gibt es noch einen ethischen Aspekt, der gerade bei einem nationalen Literaturpreis unabdingbar ist:
 
Worauf in aller Welt die Autorinnen und Autoren einen Anspruch haben, nämlich auf die Staatspreise ihres eigenen Landes, das kann und darf auch unseren Autorinnen und Autoren nicht vorenthalten werden.
 
 
 

 

Anmerkung zum DJLP 2011

 
Am 14. Oktober wurde die DJL-Preise 2011 verliehen. Wie fast zu erwarten, gingen jetzt beide literarischen Kritikerpreise an deutschsprachige Autoren. So erfreulich das auch ist, es liegt nahe, dass diese Entscheidungen auf den Börsenblatt-Artikel13 und die vorstehende Dokumentation (im Internet veröffentlicht) zurückzuführen sind. Denn seit über 25 Jahren hat es das nicht mehr gegeben7! Dazu kommt, dass nach sehr langer Zeit wieder ein Abenteuerbuch den Preis erhielt (vgl. Kap. 4).
 
Man könnte mit dieser sehr plötzlichen Entwicklung zufrieden sein, wenn nicht alles dafür spräche, dass sie nur ein Reflex auf die genannten Einwände ist. Daher erscheint es unabdingbar, die Zulassungsvorschrift zu ändern, um eine dauerhaft gerechte Regelung zu gewährleisten.


 

 

 

Erläuterungen und Quellenangaben
 
 
1)     Giachi, Arianna: Kater Mikesch trug den Preis davon. FAZ v. 23.11.1962
 
 
2)     Maar, Paul: Einführungsreferat in Franz, K. und P. Maar (Herausg.): Leser treffen Autoren. Schneider, Hohengehren 2006, S. 4 ff.
 
3)     Bittner, Wolfgang: Kommentar Nr. 20 zu Wolfrum, Otfried: Arme deutschsprachige Autoren, www.boersenblatt.net/37291/, Frankfurt2010.
 
4)     Dr. Wolfgang Bittner hat vor einigen Jahren als Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in der Akademie Remscheid zusammen mit dem Arbeitskreis für Jugendliteratur eine Tagung zum Thema „Deutsche Kinder- und Jugendliteratur im >German Open<? durchgeführt. Er schreibt dazu (a.a.O.): „Ich habe mir damit kaum Freunde gemacht, und leider hat sich an der Nominierungs- und Vergabepraxis trotz sachlich fundierter Kritik nichts geändert.“
 
5)     Lt. KIM-Studien 99 und 2008, herausgegeben vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, Stuttgart 2000 und 2009.
 
6)     Die neue PISA-Studie von 2010 zeigt zwar eine leichte Verbesserung insgesamt, was jedoch nur auf besserer Lesefähigkeit in den untersten Leistungsgruppen (Migrantenkinder) beruht. In den übrigen Leistungsgruppen hat sich nichts geändert.
 
7)     Über den Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. und die preisgekrönten und nominierten Titel siehe unter www.jugendliteratur.org.
 
8)     Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Richtlinien über die Gewährung von Zuschüssen und Leistungen durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes. Erlass vom 28.8.2009.
 
9)     Doderer, K. und C. Riedel: Der Deutsche Jugendliteraturpreis – Eine Wirkungsanalyse. Weinheim 1988.
 
10)   Zitiert in Schlepegrell, S.: Der Deutsche Jugendliteraturpreis und seine Ausschreibungen in Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Deutscher Jugendliteraturpreis 1956-1996, S. 24.
 
11)   Schlepegrell, S.: a.a.O., S. 23.
 
12)   Bernd, K.: Schreibend zu sich selbst finden. Julit 4/08, S. 30 – 33.
 
13)   Wolfrum, O.: Arme deutschsprachige Autoren. Börsenblatt 10/2010, S. 13.
 
14)   Kommentare zu Wolfrum, O., a.a.O., www.boersenblatt.net/37291.
 
15)   Der Artikel erschien im März 2010, eine Woche vor der Erstellung der Nominierungslisten. In den beiden Sparten Kinderbuch und Jugendbuch wurden 5 Originaltitel (von 12) ausgezeichnet. Das hatte es seit 9 Jahren nicht mehr gegeben, und nach 4 Jahren wurde auf der Frankfurter Buchmesse erstmals wieder ein deutschsprachiges Jugendbuch (ein Comic) preisgekrönt.
 
16)   Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Buch und Buchhandel in Zahlen – 2009. S. 69, Tab. 39 und S. 95, Tab. 45.
 
17)   Brunken, Otto: Nivellierung auf hohem Niveau. Julit 2/06, S. 41 – 45.
 
18)   Vgl. http://Verwaltung.uni-koeln.de/haushalt/content/…
 
19)   Vgl. www.verwaltung-innovativ.de/un-684686/DE/…
 
20)   Marci-Boehnke, G. und M. Rath: Junge Medienexperten, Julit 3/08, S. 15.
 
21)   Plath, M. und K. Richter: Literarische Sozialisation in der mediatisierten Kindheit. Ergebnisse neuer empirischer Untersuchungen. In: Lange, G. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Baltmannsweiler 2011, S. 485 – 507.
 
22)   Lange, G.: Abenteuerliteratur. In: Lange, G. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Baltmannsweiler 2011, S. 252 – 268.
 
23)   Roeder, D.: Blick zurück nach vorn. Julit 2/07, S. 41 – 46.
 
24)   Daubert, H.: Moderne Kinderromane in Lange, G.: a.a.O., S. 87 – 105.
 
25)   Braun, G.: Rigoros im Urteill. Julit 2/06, S. 46 – 53.
 
26)   In andere Sprachgebiete (bes. China, Korea, Polen) konnten – gemäß Börsenverein, a.a.O., Tab. 48, S. 90 – 91 – zwar höhere Lizenzvergaben erzielt werden, jedoch überwiegend in den Sparten Bilder und Sachbuch und mit erheblich geringeren Lizenzerträgen. An der Gesamteinschätzung ändert sich daher nur wenig.
 
27)   Doderer, K.: Vierzig Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis – Entwicklungen, Tendenzen, Perspektiven in Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Deutscher Jugendliteraturpreis 1956 – 1996, München 1996, S. 13.
 
28)   Es ist allgemeiner Konsens, der „dem Kritiker gebietet, die Bücher, die er rezensiert, gründlich zu lesen.“ (vgl. Ans, Th. und R. Baasner: Literaturkritik, München 2004, S. 224).
 
29)   Dankert, B.: Macht, Moneten, Maskenbildner. Julit 3/05, S. 52.
 
30)   Vgl. www.bmbf.bund.de/de/15799.php.
 
31)   Als 16. Mitglied ist die „Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj als Partner der „Allianz für Bildung“ im Juni 2011 beigetreten.
 
 
 
 
32)   Hierauf weist die Regisseurin und Jugendbuchautorin Ulrike Bliefert in Kommentar-Nr. 13 zu Wolfrum, O., a. a. O. hin und schreibt dazu: „Die Deutsche Filmakademie hat es sich zur Aufgabe gesetzt, mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft den Deutschen Film qualitativ zu fördern und national wie international zu vertreten.
 
       - Warum sollte das nicht auch für die Deutsche Jugendliteratur gelten?
 
 
 
 
 
Stellungnahme
des Arbeitskreises für Jugendliteratur
vom 2.12.2011 zur vorstehenden Studie
 
 
Sehr geehrter Herr Wolfrum,
 
für Ihr Schreiben und Ihre detaillierte Auseinandersetzung mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis danke ich Ihnen. Der Arbeitskreis für Jugendliteratur hat in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Preisstifter Ihre Einwände gegen die Internationalität des Preises geprüft. Ihre Auffassung, diese Internationalität sei von Anfang an als Provisorium gedacht gewesen und hätte sich zwischenzeitlich überlebt, können wir nicht teilen.
 
Der Deutsche Jugendliteraturpreis versteht sich als Orientierungshilfe für Eltern, Leser und Vermittler, und als solche will und muss er das gesamte Spektrum, das der deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt aufzuweisen hat, abbilden. Dass deutschsprachige Autoren dabei in weltweite Konkurrenz treten, ist unbestritten. Dass sie dieser Konkurrenz aber durchaus etwas entgegenzusetzen haben, zeigen nicht zuletzt die aktuellen Preisträger der Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch und Preis der Jugendjury: alles deutschsprachige Originalausgaben.
 
Es ist richtig, dass der Druck auf Autoren heutzutage groß ist: Der Buchmarkt wird immer schnelllebiger und es gibt Verlage, die lieber auf Bewährtes aus dem Ausland setzen, statt sich um hiesige Talente zu bemühen und diese zu fördern und zu begleiten. Wir sind uns dieser Problemlage durchaus bewusst. In Kooperation mit dem Deutschen Literaturfonds vergeben wir daher die Kranichsteiner Jugendliteraturstipendien, mit denen jedes Jahr zwei vielversprechende Nachwuchsautoren eine Förderung von je 12.000 Euro und somit die Möglichkeit erhalten, neue Buchprojekte frei von Marktzwängen umzusetzen. Zudem engagiert sich der Arbeitskreis für Jugendliteratur mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung dafür, dass die Bücher deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren verstärkt im Ausland wahrgenommen und in andere Sprachen übersetzt werden.
 
Im Rahmen des Deutschen Jugendliteraturpreises legen wir ein ganz besonderes Augenmerk auf deutsche Autoren, aber auch Illustratoren und Übersetzer. Denn der Sonderpreis für das Gesamtwerk in Höhe von 10.000 Euro wird ausschließlich national vergeben.
 
Wir halten es vor diesem Hintergrund nach wie vor für unerlässlich, mit den Spartenpreisen den Blick zu weiten, wichtige Impulse und neue literarische Entwicklungen aus anderen Ländern aufzunehmen und somit die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur hierzulande zu fördern. – Eben so wie wir es uns in der Präambel zum Deutschen Jugendliteraturpreis zum Ziel gesetzt haben.
 
Nicht zuletzt in Hinblick auf die Zielgruppe, die jungen Leserinnen und Leser selbst, wäre es fahrlässig, sie in einer globalen und medialen Welt von internationalen Entwicklungen abzuschneiden. Kinder und Jugendliche eignen sich über Bücher die Welt an und können anhand von Geschichten aus fernen Ländern und fremden Kulturen schon früh den „Blick über den Gartenzaun“ wagen. Offenheit und Toleranz gegenüber dem Anderen, das sind auch im Jahr 2011 noch wünschenswerte Erziehungsziele.
 
Im Übrigen ist der Deutsche Jugendliteraturpreis mit seiner Ausrichtung auch international gesehen in bester Gesellschaft. Schweden etwa stiftet seit 2002 den Astrid Lindgen Memorial Award für Kinder- und Jugendliteratur und Leseförderung, der mit rund 540.000 Euro dotiert ist. Auch dieser Staatspreis zeichnet sich durch seine Internationalität aus. Und die anerkannte Carnegie Medal, obschon kein Staatspreis, hat sich seit 1969 ebenfalls international geöffnet.
 
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Arbeitskreis für Jugendliteratur bekennen sich weiterhin zu der weltoffenen Tradition des Deutschen Jugendliteraturpreises.
 
Hinsichtlich Ihrer Auseinandersetzung mit dem Preis, erlaube ich mir, Sie in der Anlage auf einige Missverständnisse und Fehlinformationen hinzuweisen und diese richtig zu stellen.
Wir empfehlen, unser Schreiben mit Anlage neben Ihrem Text zum Deutschen Jugendliteraturpreis auf Ihrer Homepage zu platzieren, und so die Diskussion anschaulicher zu machen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Doris Breitmoser
Geschäftsführung
 
 
 
 
 
Antwort von Dr. Otfried Wolfrum auf vorstehendes Schreiben
 
 
 
Kellenhusen, 05.01.2012
 
 
Sehr geehrte Frau Breitmoser,
 
besten Dank für Ihr Schreiben vom 2.12.2011.
 
Leider sind Sie auf keines meiner sorgfältig dokumentierten Argumente gegen die derzeitige Zulassungsvorschrift wirklich eingegangen. Ich weiß nicht, weshalb Sie die alles entscheidende Frage der Effektivität des Preises ignorieren? Der zentrale Punkt ist doch die effizienzverstärkende Einbindung der Autoren. Dies bleibt in Ihrem Schreiben gänzlich unerwähnt. Ebenso blenden Sie den internationalen Vergleich aus. Alle vergleichbaren nationalen Literaturpreise haben im Wesent­lichen dieselben Ziele: Literatur- und Leseförderung sowie Orientierungshilfe für Eltern und Vermittler.
 
Nun zu Ihren Einwendungen:
Bei 6.000 neuen Originalwerken pro Jahr bedarf es wirklich nicht zusätzlicher Übersetzungen, um „die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur hierzulande zu fördern.“ Unsere Autoren leben nicht isoliert von aller Welt und sie kennen die Probleme und Befindlichkeiten ihrer Zielgruppen weit besser als etwa angloamerikanische oder britische Autoren.
 
Von der „internationalen Entwicklung ab(zu)schneiden“ kann schon gar nicht die Rede sein. Es ist absurd: Alle wichtigen Titel der Welt sind übersetzt im Buchhandel zu haben, werden von den Verlagen beworben und können von den zahlreichen Vermittlungsinstanzen den potentiellen Käufern empfohlen werden. Dazu bedarf es nicht zusätzlich des DJLP. Angesichts des desaströsen Nieder­gangs des privaten Lesens, der Abwendung der nachwachsenden Generation von der Literatur, muss die Literatur auf die Kinder und Jugendlichen „zugehen“, am weitaus wirkungsvollsten durch den Urheber selbst (vgl. Kap. 5 der Studie). Wenn also etwas „abgeschnitten“ wird, dann durch die geübte Praxis der Preis­vergabe.
 
Im Übrigen befinden wir uns mit dem DJLP eben nicht, wie Sie behaupten, „in bester Gesellschaft“. Im Gegenteil: Der Astrid Lindgren Memorial Award ist ein Gedächtnispreis für „works who reflect the spirit of Astrid Lindgren“. Von Leseförderung ist in den Statuten nicht die Rede, vielmehr werden wirtschaft­liche Gründe für die Preisstiftung durch die schwedische Regierung vermutet. Dafür spricht auch das exorbitant hohe Preisgeld von 5 Mio. Skr.
 
Ebenso abwegig ist der Vergleich mit der britischen Carnegie Medal. Die Zulassungsvorschrift lautet hier: „The books must be written in English and should have been first published in the UK during the previous year. Until 1969 the award was limited to books of British authors.”
 
Es sind also nur englischsprachige, in England verlegte Originalausgaben zugelassen.  Seit 1969 darf zwar der Autor „non British“ sein, aber daraus abzuleiten, die Carnegie Medal würde wie der DJLP international ausgeschrieben, ist angesichts der genannten erheblichen Einschränkungen allzu fadenscheinig.
 
Weiter setzen Sie eine „Internationalität“ des DJLP voraus. Dies ist jedoch eine falsche Voraussetzung: Denn der DJLP als Maßnahme der Jugendhilfe ist, mit dem SGB VIII als gesetzlicher Grundlage, auf den Geltungsbereich der Bundes­republik Deutschland begrenzt. Ziel des DJLP darf also nicht eine international ausgerichtete Literaturförderung sein.
 
Zur Frage der Autorenförderung: Niemand verlangt, was aber immer wieder unterstellt wird, dass der DJLP der Nachwuchsförderung dienen soll. Dafür gibt es andere Preise. Es geht nur darum, dass, wie Paul Maar mit Recht kritisiert, „der Blick verstellt wird auf deutsche Nachwuchsautoren und deren Bücher“.
 
Wenn sich Verlage, mit allen damit verbundenen Risiken, um erfolgver­sprech­ende Talente bemühen, dann darf auch das nicht durch überholte Regularien konterkariert werden. Die Führung des Arbeitskreises hat sich über die Fortentwicklung des Preises bis heute jeglicher Diskussion entzogen. Die Arbeitsgemein­schaft von Jugendbuchverlagen (avj) hat daraus die Konsequenz gezogen und ist aus dem Arbeitskreis ausgetreten.
 
Ihren Hinweis auf die Preisfindung 2011 können Sie wohl selbst nicht ernst gemeint haben. Ich wiederhole: Es liegt doch auf der Hand, dass, wenn alle Preise nach über 34 Jahren plötzlich erstmalig an deutschsprachige Autoren gingen, es sich nur um einen Reflex auf die Studie handeln kann. Auch der Zufall hat seine Grenzen.
 
Was die Weltoffenheit angeht: Wir befinden uns ja nicht mehr in den fünfziger Jahren. Die Weltoffenheit ist heute sowieso längst erreicht. Damit lässt sich die ungerechte Vergabe des DJLP nicht entschuldigen.
 
Abschließend bleibt zu sagen, dass Ihr Schreiben auf meine mit Fakten gestützte Studie keine Antwort darstellt. Vielmehr wiederholen Sie nur die sattsam bekannten und stets wiederholten abwegigen Argumente, wo echte Abhilfe unumgänglich wäre.
 
Mit freundlichem Gruß
 
 
Dr. Otfried Wolfrum
 
 
 
 
 
Anschrift des Verfassers:
 
Dr. Otfried Wolfrum
Laetitia Verlag
Dahmer Weg 27a
23746 Kellenhusen
 
Tel. 04364/470354 oder 030/80588530
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